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Von Kipppunkten und Kettenreaktionen

09.05.2021, Lesedauer ca. 10 - 15 Minuten

Der Amazonas-Wald ist umgekippt und setzt mehr CO2 frei, als er binden kann. Die CDU (die sich polemisch als Corrupt-Demagogische Union ausschreiben ließe), ist nach einem Urteil des Bundesverfassungsgerichtes und einer wachsenden Zahl von Korruptionsfällen umgekippt. In Tschernobyl wirft der nächste atomare Unfall seine Schatten voraus. Was brauchen wir also? Na klar: Mehr Atomkraftwerke, diesmal überall, weltweit!

Aber der Reihe nach. Ende April erschien eine Studie in Nature Climate Change, der zufolge der Amazonas-Wald seit zehn Jahren bereits mehr Kohlendioxid ausstößt, als er binden kann. Ursache ist zum einen die weiter stark zunehmende, von Menschen verursachte Waldzerstörung: Sie hat sich 2019, seit dem Amtsantritt des brasilianischen Präsidenten Jair Bolsonaro (der allen Ernstes mit zweitem Vornamen „Messias“ heißt), auf 3,9 Millionen Hektar vervierfacht gegenüber je 1 Million Hektar in den Jahren 2017 und 2018.

Zum anderen verursacht inzwischen der Klimawandel immer stärkere Auswirkungen. Durch Schwächung und Absterben von Bäumen in Dürreperioden, zuletzt ausgelöst vom immer wieder auftretenden El-Niño-Effekt, führt er zur Degradation, zu einer Waldzerstörung und Biomasseverlust von innen heraus. Dieser zweite Effekt, die Degradation, ist laut der Studie in den letzten Jahren drei Mal so zerstörerisch geworden wie die direkte menschliche Waldzerstörung. Die federführenden französischen Wissenschaftler*innen sprechen von einer „historischen Trend-Umkehr für den brasilianischen Wald“.

So sehr man aber Bolsonaro zu Recht anprangern mag dafür, dass er die staatliche Umweltkontrolle gezielt ausgesetzt hat: Er ist nur ein Handlanger. Er erfüllt die Wünsche der aufstrebenden brasilianischen Agrarwirtschaft, die ihrerseits wiederum nur den Wünschen jener Länder nachkommt, in deren Auftrag die Waldzerstörung stattfindet. Und da liegt die Europäische Union mit 16 Prozent der Waldzerstörung in den Tropen weltweit an zweiter Stelle, gleich nach der Volksrepublik China (24 Prozent), noch vor Indien (9 Prozent) und den USA (7 Prozent). „Mit Abstand“ größter Tropenholzimporteur der EU ist übrigens – Deutschland.

Klimagerechtigkeit

Kehren wir also vor der eigenen Tür. Hier hat das Bundesverfassungsgericht (BVG) am 29. April 2021 einen Beschluss von Ende März zum Klimaschutzgesetz (KSG) der „Großen Koalition“ vom 12. Dezember 2019 bekannt gegeben und darin ausgeführt:

„Die zum Teil noch sehr jungen Beschwerdeführenden sind durch die angegriffenen Bestimmungen aber in ihren Freiheitsrechten verletzt. Die Vorschriften verschieben hohe Emissionsminderungslasten unumkehrbar auf Zeiträume nach 2030.“

Ziel des KSG sei, entsprechend dem verfassungsrechtlichen Klimaschutzziel des Art. 20a im Grundgesetz,

„den Anstieg der globalen Durchschnittstemperatur dem sogenannten ‚Paris-Ziel‘ entsprechend auf deutlich unter 2 °C und möglichst auf 1,5 °C gegenüber dem vorindustriellen Niveau zu begrenzen. Um das zu erreichen, müssen die nach 2030 noch erforderlichen Minderungen dann immer dringender und kurzfristiger erbracht werden. Von diesen künftigen Emissionsminderungspflichten ist praktisch jegliche Freiheit potenziell betroffen, weil noch nahezu alle Bereiche menschlichen Lebens mit der Emission von Treibhausgasen verbunden und damit nach 2030 von drastischen Einschränkungen bedroht sind. Der Gesetzgeber hätte daher zur Wahrung grundrechtlich gesicherter Freiheit Vorkehrungen treffen müssen, um diese hohen Lasten abzumildern.“

Blöd oder bösartig?

Den vermutlich mit Abstand dämlichsten Kommentar dazu hat übrigens ein Holger Douglas für „Tichys Einblick“ schnappatmend verfasst:

„Verfassungsrichter bestätigen jetzt, dass ein Spurengas der Luft weg muss. Was werden die Bäume sagen, die Sträucher und Blätter? Für die ist das DER Baustein, aus dem sie ihre Blattmasse produzieren. Ohne CO2 kein Wachstum mehr. Auch die Bäume müssten mehr Gerechtigkeit fordern. Der BUND hat sich zwar als ‚Anwalt der Natur‘ aufgespielt, schweigt jedoch hierzu.“

Bleibt die Hoffnung, dass Herr Douglas auch weiterhin irgendwo im Wald – am besten mit Herrn Wohlleben – darauf wartet, was die Bäume wohl sagen werden. Es drängt sich die Frage auf, ob man eigentlich nur noch blöd oder schon bösartig sein muss, um derart anti-wissenschaftlichen Mist zu verzapfen? Da der Mann, der sich tatsächlich als „Wissenschafts- und Technikjournalist“ bezeichnen lässt, damit vermutlich Geld verdient, steht das Zweite zu befürchten, zumal es informierten Menschen Schmerzen verursachen dürfte, solchen Unsinn zu lesen. Unter seinem unsäglichen Stück dann noch die Bitte: „Wenn Ihnen unser Artikel gefallen hat: Unterstützen Sie diese Form des Journalismus.“ Hiermit hoffentlich hinreichend erledigt.

Ach nein, ein Nachtrag und Vorgriff auf das Folgende: Der gleiche „Wissenschafts- und Technikjournalist“ findet es nicht merkwürdig, dem Klimawandel, den es laut seinen oben zitierten Zeilen doch offenbar gar nicht gibt – können doch ihm zufolge die Bäume von dem vielen CO2 gar nicht genug bekommen –, durch Atomkraft gegensteuern zu wollen. Keine weiteren Fragen.

Es wäre müßig nachzuzählen, zum wievielten Male die „Große Koalition“ damit vom BVG abgewatscht wurde (eine offizielle, von 1990 nur bis ins Jahr 2019 reichende Liste, die nicht nur Korrekturen durch das BVG umfasst, ist 28 Seiten lang). Die seit 16 Jahren regierende CDU bejubelte das Urteil, namentlich der oberste Bremser der Energiewende, Peter Altmaier, nachdem sie bislang konsequent jenen folgte, die nicht nur die Realität des Klimawandels leugneten, sondern sich mit fossilen Energien daran bereichern wollen. Jetzt aber verfällt eben diese durch und durch anti-wissenschaftliche, korrupte Partei in hektischen Umkleide-Stress beim Versuch, sich rechtzeitig vor der Wahl ein grünes Mäntelchen überzuwerfen. Man kann beim Anblick leider nicht nur der CDU, sondern des Opportunismus der Politik an sich gar nicht so viel fressen, wie man kotzen möchte.

Raum 305/2

In Stanley Kubricks Film „Shining“ ist es Raum 237, der „Redrum“, der erst im Spiegel von Visionen zum Inbegriff des Grauens wird. Während das nur eine allerdings packende Fiktion ist, trägt ein realer Raum, der uns noch das Fürchten lehren könnte, die Nummer 305/2. Darin liegt der tonnenschwere, geschmolzene Kern des Reaktors 4 der Atomruine von Tschernobyl begraben, bestehend aus den Resten der Uranbrennstäbe – die laut Science Magazine noch etwa 95 Prozent des Brennstoffes enthalten sollen –, vermengt mit deren Hüllen, den Steuerstäben und dem Sand, mit dem all das zugedeckt wurde, um 1986 die befürchtete Kettenreaktion zu stoppen.

Dieser Raum 305/2 ist unerreichbar, schon wegen der hohen Strahlung, die von ihm aus ausgeht, zudem ist er unter den Trümmern des Reaktors begraben. Messungen der letzten vier Jahre haben dort eine zunehmende Zahl von Neutronen nachgewiesen. Es sei noch nicht klar, was dort ablaufe, so laut Science Magazine der Nuklear-Chemiker Neil Hyatt von der Universität Sheffield, doch gebe es die Befürchtung, dass sich dort „eine Kernspaltungs-Reaktion exponentiell beschleunige“ und es zu einer „unkontrollierten Freisetzung nuklearer Energie“ komme.

Zwar bestehe laut weiteren Experten nicht die Gefahr einer vergleichbaren Freisetzung von Radioaktivität über ganz Europa wie nach dem katastrophalen Unfall vom 26. April 1986. Ob das so genannte „Shelter“, der ein Jahr nach dem Unfall aus Beton und Stahl errichtete Schutz, und die 2016 für 1,5 Milliarden Euro gebaute und darüber gefahrene, neue Schutzhülle, das „New Safe Confinement“ (NSC), einem neuerlichen nuklearen Unfall standhalten können, sei dagegen unklar. Stellt sich die Frage, ob es dann nicht doch zur Freisetzung von Radioaktivität über das NSC hinaus kommen könnte? Wer wollte das zu erwartende Maß abschätzen, wenn schon die mögliche, befürchtete Kettenreaktion nicht einschätzbar ist?

Schließlich hielt auch der deutsche Gesundheitsminister Spahn Anfang 2020 den „Krankheitsverlauf beim Coronavirus [für] milder [...] als etwa bei einer Grippe“ und sah „Deutschland gut gewappnet“. Dabei nähert sich die von Wissenschftler*innen nur abschätzbare, vermutlich realistische Zahl von bislang knapp 7 Millionen Todesopfer dieser Pandemie, die noch nicht ins öffentliche Bewusstsein gedrungen ist, inzwischen den Opferzahlen der großen, historischen Seuchen an.

„Kernkraft ist sicher“

Einen „Wissenschafts- und Technikjournalisten“, der seinen Kindern – so er welche hat – nicht nur das Klima zu versauen, sondern obendrein noch eine radioaktiv strahlende Zukunft zu bescheren bereit ist, haben wir oben schon gehört. Bei der von ihm zitierten Internationalen Atomenergie-Aufsicht (IAEA) wundert solche Haltung kaum, wer will sich schon angesichts unbequemer Wahrheiten den eigenen Job wegschießen?

Eine gewaltige Lobby wird nicht müde, wieder und wieder die „friedliche“ Nutzung der Kernkraft als angebliche Klimalösung anzupreisen. Auf der langen Liste finden sich viele der reichsten Menschen der Welt, unter ihnen Bill Gates, Jeff Bezos, Elon Musk oder Warren Buffett. Ob Geld den Verstand vernebeln kann? Gates preist tatsächlich in seinem Buch zum Klimawandel eine noch gar nicht verfügbare Technik: Ein von ihm unterstütztes Unternehmen will Hunderte kleiner Reaktoren bauen, die viel sicherer und sauberer sein sollen. Selbst der sonst so intelligente Michel Houellebecq hält Atomkraft für gut und der VW-Vorstandsvorsitzende Herbert Diess möchte statt stinkenden Diesel-Betruges nun lieber vor Kernkraft strahlende E-Autos. Andere machen sich dagegen Gedanken über die Sicherheit von Nuklearanlagen bei Terrorangriffen.

Hier sei empfohlen, was der Energieexperte Volker Quaschning in einem gut halbstündigen Podcast auf Youtube zu der Frage ausführte, ob Kernenergie das Klima retten kann.

Und doch sieht es unter den Institutionen nicht besser aus. Die EU diskutiert, ob Atomkraft „nachhaltig“ sei, das IPCC hält sie für einen Teil der Lösung. Und natürlich darf die CDU in diesem Kreis nicht fehlen. „It's enough to make you wonder sometimes if you're on the right planet.“ (Frankie goes to Hollywood, „Two tribes“)

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