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„Leitmedien“ gegen Aufforstungen

18.04.2021 (Update 25.04.21), Lesedauer ca. 10 - 15 Minuten

In den letzten Monaten häufen sich Fälle von teils fragwürdiger Berichterstattung in führenden deutschen Medienprodukten, die sich kritisch mit weltweiten Aufforstungsprojekten befassen. Beispielhaft genannt seien der Artikel „Der Märchenwald“, erschienen im Dezember 2020 in der Ausgabe 53/2020 der Wochenzeitung „Die Zeit“, der auch online verfügbar ist, oder, etwas weniger aggressiv, der Artikel „Magische Maschinen“, erschienen in „Der Spiegel“ Nr. 15/2021, S. 94 - 97, der online nur kostenpflichtig verfügbar und deshalb hier nicht verlinkt ist.

Der Tenor dieser Berichte, wenn sie auch unterschiedliche Akzente setzen: Selbst ernannte Klimaschützer pflanzen Bäume in der naiven Hoffnung, damit den Klimawandel zu bekämpfen. Sie werben dazu Spendengelder ein, über deren Verwendung sie nicht transparent aufklären. Sie pflanzen auf ungeeigneten oder sogar bereits bewaldeten Flächen – etwa, um ihren uninformierten Spendern Geld aus der Tasche zu ziehen und den falschen Eindruck von Erfolg erwecken zu können? Tatsächlich würden sie aber generell die Klimaschutzwirkung ihrer Arbeit maßlos übertreiben und bedienten dabei zuweilen wirtschaftliche Interessen undurchsichtiger, familiär verfilzter Firmengeflechte.

Speziell der erwähnte Artikel in der Zeit, der sich über die von Schülern ins Leben gerufene, inzwischen weltweite Initiative „Plant for the planet“ hermacht, kann auf allerdings unerwartete Art Erschütterung auslösen. Dann nämlich, wenn man sich die Mühe macht, dem Artikel ein wenig hinterher zu recherchieren. Hilfreich dabei ist etwa der in Reaktion entstandene, knapp einstündige Film „Der Märchenwald“ (siehe unten) von transparenz.tv, der bei Youtube angeboten wird und dessen Macher sich, anders als die „Zeit“-Redakteur*innen, nach Mexiko bemühten, um die Arbeit vor Ort zu sehen und die Vorwürfe zu überprüfen.

Zwar genügt dieser Film-Bericht nicht immer wissenschaftlichen Ansprüchen – z.B. wenn in einer Szene eine Fläche von kaum einem Hektar farblich eingekreist wird und der Text aus dem Off dabei von 20 Hektar spricht. Allerdings belegen weitere gezeigte Dokumente, dass die Angabe im Text offenbar korrekt ist und nur die bildhafte Umsetzung missglückte. Auch an vielen weiteren Stellen merkt man, dass Felix Finkbeiner, Gründer von „Plant for the planet“, keineswegs naiv zu Werke geht, sondern mit Begriffen wie Sukzession (das ist die allmähliche, natürliche Entwicklung von Ökosystemen vor allem nach Auftreten flächiger Störungen, seien diese nun natürlich, wie etwa Waldbrand oder Überschwemmung, oder menschlich bedingt, wie etwa brachiale (Brand-) Rodungen oder die selektive Fällung von marktfähigen Bäumen), mit Kohlenstoff-Speicherraten oder Ansätzen zum unterstützenden Einsatz der Mikroorganismen im Boden durchaus kundig umgeht und in seiner Arbeit wissenschaftlich experimentiert, wie er mit geringst möglichem Mitteleinsatz eine maximale Verbesserung der ökologischen Situation erreichen kann.

Weiter hilfreich ist die chronologische Dokumentation des E-Mailverkehrs zwischen Felix Finkbeiner (und stellenweise seinem Vater) mit der offenbar für den Bericht federführenden „Zeit“-Redakteurin Hannah Knuth, der als 36 Seiten umfassendes PDF (630 kB) auf der Website der Initiative angeboten wird. Daran wird sichtbar, wie Journalisten, die ein bestimmtes Ziel verfolgen, einem offen und ehrlich antwortenden Befragten wieder und wieder das Wort im Munde herumzudrehen versuchen, um am Ende in ihrem Bericht genau den Eindruck hervorzurufen, den sie von Anfang an erreichen wollten.

Kampagnen-Journalismus

Ein erschütterndes Beispiel für desinformierenden Kampagnen-Journalismus, wie er allerdings bei „Die Zeit“ vor nicht allzu langer Zeit schon einmal in einem Eklat mündete – als der bis dahin für sie tätige Kolumnist Thomas Fischer, ehemals Vorsitzender Richter eines mit Strafsachen befassten Senates des Bundesgerichthofes, seine Tätigkeit erbost einstellte: „Die Zeit“ hatte, so Fischer, in der Berichterstattung über einen möglichen Fall sexueller Übergriffigkeit jegliche journalistische Ausgewogenheit fahren lassen und gleich das Urteil gefällt, ohne dem Beschuldigten auch nur die Chance eines fairen, rechtsstaatlichen Verfahrens zu lassen. Mit dem Ergebnis übrigens, dass der dickschädelige, prinzipientreue Ex-BGH-Richter Fischer sich inzwischen dem Team der Anwälte anschloss, die den Beschuldigten vor Gericht vertreten, wie „Der Spiegel“ in der oben bereits genannten Ausgabe ebenfalls ausführlich in Form eines längeren Interviews mit jenem Team berichtete.

Aber auch die Redaktion von „Der Spiegel“ bekleckert sich seit Jahren regelmäßig zu forstlichen und ökologischen Themen nicht gerade mit Ruhm. Gern gibt sie dem „Baumflüsterer“ und ODFE (dem Obersten Deutschen Forst-Experten) Wohlleben Raum, in Interviews vor den (angeblich) dummen, vielleicht sogar bösen, auf jeden Fall aber holzgierigen Förstern und Sägewerken zu warnen, die den Wald zerstören – dabei sind seine Weisheiten, wo sie denn überhaupt fundiert sind, schon seit wohl 40 Jahren Lehrstoff im Grundstudium der Forst-Ausbildung.

Und ja, auch meinem Jahrgang legte ein Anfang der 90er Jahre unterrichtender Träger eines Professoren-Titels noch nahe, zur wirksamen Schädlings-Bekämpfung im Wald alte Autoreifen zu verbrennen – was haben wir (nach dem Seminar) gelacht und den Kopf geschüttelt ... Wo Wohlleben dagegen frei hinzudichtet, wird er von Journalisten nicht hartnäckig hinterfragt, sie konfrontieren ihn nicht mit den oft diametral abweichenden Auskünften anderer, anerkannter Forstwissenschaftler. Die Redaktionen haben offenbar ansonsten nur die Telefonnummern von Wohllebens Mitstreitern in diversen Institutionen und halten das dann für „kritischen“ Journalismus – auch wenn diese „Experten“ ebenso seit langem in vielen ihrer merkwürdigen Thesen durch wissenschaftliche Artikel, veröffentlicht im Peer-review-Verfahren, widerlegt sind.

Und ja: Auch Finkbeiners Mitstreitern aus dem Crowther-Lab der ETH Zürich sind Fehler unterlaufen in ihrer etwas zu sehr auf PR bedachten Öffentlichkeitsarbeit. Da haben die doch tatsächlich behauptet, Bäume zu pflanzen sei der wirksamste Weg, den Klimawandel aufzuhalten. Richtig wäre natürlich, dass ein Ende der CO2-Emissionen der erste, wichtigste Schritt zum Klimaschutz sein muss. Dazu gehört auch der Schutz der Wälder, die wir noch haben, vor Rodung und Zerstörung, nicht aber vor nachhaltiger Nutzung. Denn das verdrängt leider, so wichtig Waldschutz ist, den inzwischen vorliegenden, wissenschaftlichen Beleg, dass wir mit Emissionsminderung allein jetzt schon weder das 1,5°- noch das 2°-Ziel halten können. Um diese Ziele zu halten, sind möglichst sofort (genauso, wie die Emissionen möglichst sofort stoppen sollten) weitere Maßnahmen notwendig, um CO2 aus der Atmosphäre zu entfernen. Und dafür, so sehen es viele Wissenschaftler, sind Aufforstungen an der richtigen Stelle und auf die richtige Weise der ökologisch, wirtschaftlich und sozial sinnvollste Ansatz.

Irgendwann platzt der Kragen ...

Und hier fängt die unerträgliche Nörgelei aus der Medienlandschaft an, einem auf den Geist zu gehen. Es kommen die immer wieder gleichen „Argumente“ aus den Redaktionen der Blätter, die ohne Wimpernzucken Anzeigen für übermotorisierte Fossil-Verbrenner schalten, mit denen Otto Normalverbraucher die Städte blockiert, die Luft vergiftet und das CO2 rausbläst, das Förster*innen verzweifelt wieder einzufangen versuchen, weil der so verursachte Klimawandel ihnen die Wälder durch folgende Stürme, Dürre und davon verursachte Schädlings-Plagen wegsterben lässt. Ein paar der beliebtesten „Argumente“ gegen Aufforstungen:

Oder macht doch mal einen besseren Vorschlag? Sollen wir einen Sonnenschirm ins All spannen? Sollen wir Schwefel oder Kalk mit unabsehbaren Folgen in die Atmosphäre blasen? Neue Atomkraftwerke bauen, wie Herr Gates empfiehlt, die es zwar noch gar nicht gibt und deren Brennstoff nur sehr begrenzt verfügbar ist (und darüber hinaus auch für Nuklearwaffen einsetzbar) und mit deren Müll wir immer noch nicht wissen, wohin damit für eine Million Jahre? Oder vielleicht sollen wir die Kühlschranktüren weltweit offenstehen lassen, damit es kühler wird?

Oder sollten wir die zahlreichen wissenschaftlichen Veröffentlichungen akzeptieren, die belegen, dass Bäume zu pflanzen und ihr Holz zu nutzen – wenn man es richtig macht – tatsächlich mit der wirksamste Weg ist, CO2 zu binden? Würden die CO2-Emissionen heute aufhören, könnte allein der geschickte Einsatz von Biomasse den Anteil von Kohlenstoff in der Atmosphäre binnen dieses Jahrhunderts um 367 Gigatonnen, entsprechend einem atmosphärischen CO2-Anteil von 156 ppm, reduzieren und somit unter den vorindustriellen Wert drücken. Ach, davon habt ihr noch nichts gehört? Dann tut doch mal eure Arbeit und recherchiert, bevor ihr schreibt! Und natürlich gibt es weitere Wege, die uns unterstützen könnten, dem Ziel näher zu kommen. Damit befassen sich „Der Atem des Waldes“, wo auch weitere sinnvolle Methoden des Geo-Engineerings aufgeführt werden, und diese Seiten.

Und nein, Forstwirtschaft heißt nicht automatisch, Wälder zu zerstören. Gute Forstwirtschaft (die übrigens ungeeignete, zu sensible Flächen von der Nutzung ausnimmt) erschafft ohne flächige „Stilllegung der Nutzung“ so wunderbare, artenreiche und vielfältige Waldbilder, dass der Naturschutz sich die Finger danach leckt und diese Flächen unbedingt unter seine Hoheit bringen will. Dabei ist das Holz aus der Nutzung dieser Wälder, sinnvoll eingesetzt, ein Königsweg zum Klimaschutz, weil sein Wachstum CO2 aus der Atmosphäre entnimmt und den Kohlenstoff speichert. Und selbst wenn man es verbrennt – na und? Dann wird das CO2 wieder frei, das der Baum vorher der Atmosphäre entnommen hat, er fügt ihr effektiv kein CO2 hinzu. Wenn ihr aber in eurem SUV zur Arbeit in die Redaktion dieselt, setzt ihr CO2 frei, das zuvor Jahrmillionen unter der Erde war und durch euch der Atmosphäre hinzugefügt wird.

Um CO2-Emissionen zu vermeiden, was noch wichtiger ist, müssen wir alle uns an die eigene Nase fassen. Aufhören, Stein- oder gar Braunkohle zu verbrennen. Aufhören, Fossil-Autos zu fahren. Aufhören, auf Schweröl-Dampfern auf Kreuzfahrt zu gehen (oder dämliche TV-Serien darüber zu drehen!). Aufhören, zu fliegen. Aufhören, Rindfleisch zu essen. Und aufhören, dauernd um eurer Auflage willen mit miesen Methoden herumzunörgeln an denen, die wenigstens das bisschen zu realisieren versuchen, was dem Klimaschutz dient. Kann doch nicht so schwer sein?

Informiert euch, liebe Journalisten, bevor ihr berichtet, bringt euch auf den gegenwärtigen Stand der Wissenschaft, anstatt „kritischen Journalismus“ zu simulieren durch endloses Nachplappern von Fake-News, von kurzsichtigen, selbsternannten Experten herausposaunt um des Applauses eines ahnungslosen Publikums willen. Dies besonders, wenn es um komplexe ökologische Zusammenhänge geht, die selbst unter Wissenschaftlern zuweilen umstritten sind. Denn sonst seid ihr nicht besser als die Verrückten, die in Pandemie-Zeiten zu Super-Spreader-Demos rennen, um sich mit anderen Desinformierten der Halbwahrheiten und Lügen zu vergewissern, an denen sie sich bei Facebook oder Twitter vergiftet haben.

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