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Corona, Klima – und sozialer Mord

09.02.2021, Lesedauer ca. 15 - 20 Minuten

Seit Ausbreitung der Covid-19-Pandemie ab Anfang 2020 wurde von Wissenschaftlern vielfach darauf hingewiesen, dass das Zurückdrängen und die Zerstörung natürlicher Lebensräume und auch der Klimawandel es Krankheitserregern aus der Tierwelt ermöglichen, durch Anpassung auch Menschen zu infizieren.

Sei es, indem die Erwärmung Fledermäusen eine stärkere Ausbreitung ermöglicht. Sei es, weil Mensch und Tier sich zu nahe kommen – zahlreiche Krankheiten fing der Mensch sich ein, indem er in den Lebensraum von Tieren eindrang oder sie domestizierte. Zoonotische (von Tieren auf Menschen überspringende), infektiöse Krankheiten sind Ergebnis des verfehlten, verantwortungslosen Umganges des Menschen mit seinen eigenen Lebensgrundlagen – Covid-19 ist nur ein Vorbote des Kommenden. Aber es gibt noch weitere Parallelen zwischen der gegenwärtigen Pandemie und dem politischen Totalversagen angesichts der drohenden Klimakatastrophe.

Nicht „irgendeine“ Zeitschrift auf der Hatz nach Katastrophenmeldungen, sondern das seit 1840 erscheinende British Medical Journal widmete sich Anfang Februar 2021 angesichts über 2.000.000 Covid-19-Toten ausführlich der Frage, ob und inwieweit der Begriff „Mord“ anzuwenden ist auf den Umgang der Politik und mancher Wissenschaftler mit dieser Geißel der Menschheit. Starker Tobak? Schauen wir uns zunächst zwei Punkte aus der internationalen und hiesigen Chronik des Politikversagens an.

Frühe Warnung

Im Jahr 2003 breitete sich in China eine neue Krankheit aus, genannt „Severe acute respiratory syndrome“ (SARS), auf deutsch etwa „schweres, akutes Atemwegs-Syndrom“. Als Auslöser wurde ein Corona-Virus identifiziert, SARS-CoV. Die Autoren einer ausführlichen Arbeit, die auch „Der Atem des Waldes“ bereits zitierte, befassten sich 2007 mit der Biologie des Virus und seinen sämtlichen medizinisch relevanten Aspekten. Und sie ziehen gleich einleitend einen heftigen Vergleich:

„Die akuten und dramatischen Auswirkungen auf die Gesundheits- und Wirtschaftssysteme sowie Gesellschaften der betroffenen Länder innerhalb weniger Monate Anfang 2003 waren ohne Parallele seit der letzten Pest.“

Gut 8.000 Menschen hatten sich weltweit mit SARS infiziert, die Todesrate lag bei rund 10 Prozent. Verwandte, in Fledermäusen auftretende Corona-Viren könnten bei passender Gelegenheit erneut den Sprung zum Menschen schaffen, so der Artikel weiter. Er schließt mit einer eigentlich unmissverständlichen Warnung (Hervorhebung vom Autor):

„Die Existenz eines riesigen Reservoirs an SARS-CoV ähnlichen Viren in Fledermäusen der Familie Hufeisennasen ist, in Verbindung mit der Kultur des Essens exotischer Säugetiere in Süd-China, eine Zeitbombe. Die Möglichkeit des Wiederauftretens von SARS und anderen neuen Viren, ob aus Tieren oder Labors, und daher die Notwendigkeit, vorbereitet zu sein, sollte nicht ignoriert werden.“

Wir beobachten seit einem Jahr die Explosion dieser angekündigten, ignorierten Zeitbombe.

Die zweite Warnung

In Deutschland unterrichtete die Bundesregierung am 3. Januar 2013 den Bundestag mit einem „Bericht zur Risikoanalyse im Bevölkerungsschutz 2012“ (Drucksache 17/12051). Zwei Katastrophenschutz-Szenarien waren aufwendig analysiert worden. Erstens: Ausgelöst durch Hochwasser wie 2002 an der Elbe oder 2010 an der Oder wurde ein „Extremes Schmelzhochwasser aus den Mittelgebirgen“ durchgespielt. Zweitens: Mit Blick auf die SARS-Pandemie wurde eine Risikoanalyse „Pandemie durch Virus Modi-SARS“, ein neuartiges Virus aus Asien, erstellt:

„Die Wahl eines SARS-ähnlichen Virus erfolgte u. a. vor dem Hintergrund, dass die natürliche Variante 2003 sehr unterschiedliche Gesundheitssysteme schnell an ihre Grenzen gebracht hat. Die Vergangenheit hat bereits gezeigt, dass Erreger mit neuartigen Eigenschaften, die ein schwerwiegendes Seuchenereignis auslösen, plötzlich auftreten können (z. B. SARS-Coronavirus (CoV), H5N1-Influenzavirus, Chikungunya-Virus, HIV).“

Man hielt dies Szenario für „bedingt wahrscheinlich – ein Ereignis, das statistisch in der Regel einmal in einem Zeitraum von 100 bis 1.000 Jahren eintritt“. Es wird jetzt etwas gespenstisch, vergessen Sie nicht, dass die folgenden Zeilen 2013 von der Bundesregierung veröffentlicht wurden:

„Das hypothetische Modi-SARS-Virus ist mit dem natürlichen SARS-CoV in fast allen Eigenschaften identisch. Die Inkubationszeit, also die Zeit von der Übertragung des Virus auf einen Menschen bis zu den ersten Symptomen der Erkrankung, beträgt meist drei bis fünf Tage, kann sich aber in einem Zeitraum von zwei bis 14 Tagen bewegen. Fast alle Infizierten erkranken auch. Die Symptome sind Fieber und trockener Husten, die Mehrzahl der Patienten hat Atemnot, in Röntgenaufnahmen sichtbare Veränderungen in der Lunge, Schüttelfrost, Übelkeit und Muskelschmerzen. Ebenfalls auftreten können Durchfall, Kopfschmerzen, Exanthem (Ausschlag), Schwindelgefühl, Krämpfe und Appetitlosigkeit. Die Letalität [Anm.: Anteil der Erkrankten, die daran versterben] ist mit 10 % der Erkrankten hoch, jedoch in verschiedenen Altersgruppen unterschiedlich stark ausgeprägt. Kinder und Jugendliche haben in der Regel leichtere Krankheitsverläufe mit Letalität von rund 1%, während die Letalität bei über 65-Jährigen bei 50% liegt. […] Die Übertragung erfolgt hauptsächlich über Tröpfcheninfektion, da das Virus aber auf unbelebten Oberflächen einige Tage infektiös bleiben kann, ist auch eine Schmierinfektionen [sic!] möglich. Mit Auftreten der ersten Symptome sind die infizierten Personen ansteckend. Dies ist der einzige Unterschied in der Übertragbarkeit zwischen dem hypothetischen Modi-SARS und dem SARS-CoV – der natürlich vorkommende Erreger kann erst von Mensch zu Mensch übertragen werden, wenn eine Person bereits deutliche Krankheitssymptome zeigt. Zur Behandlung stehen keine Medikamente zur Verfügung, so dass nur symptomatisch behandelt werden kann. Ein Impfstoff steht ebenfalls für die ersten drei Jahre nicht zur Verfügung.“

Nur eine Übung ...

Die wesentlichen Unterschiede zum aktuell grassierenden Virus, abgesehen von einzelnen Symptomen wie Verlust des Geruchs- und Geschmackssinns, soweit bis heute bekannt: Mit SARS-Cov-2 Infizierte sind auch symptomlos ansteckend und die Todesrate liegt deutlich unter 10 Prozent, eher bei zwei Prozent (wenn man offiziellen Zahlen, etwa der Johns-Hopkins-Universität, glauben kann). Und die Impfstoff-Entwicklung ging weit schneller.

Das Ergebnis des Szenarios zusammengefasst: Mangel an medizinischer Schutzausrüstung aller Art, zusammenbrechendes Gesundheitswesen, drei Wellen mit jeweils weit über 20 Millionen Infizierten, 7,5 Millionen Tote, wenn jeder Infizierte drei Menschen ansteckt – alles nur in Deutschland, wohlgemerkt. Das Schadensausmaß der Pandemie für das Schutzgut Umwelt, eingestuft zwischen A (geringfügig) und E (maximal) sah man als minimal. Für die Schutzgüter Mensch, Volkswirtschaft und immaterielle Schäden jedoch rechnete man nahezu durchgängig mit maximalen Schäden, Stufe E. Die öffentliche Ordnung erreichte nur Schadstufe D, Kulturgüter würden zum Glück nicht beschädigt (wäre ja auch schade um die Elbphilharmonie oder das Stadtschloss, für die man halt anderswo sparen musste, etwa an der sanitären und digitalen Ausstattung der Schulen oder im öffentlichen Gesundheitswesen ...), die politischen und psychologischen Auswirkungen wären allerdings extrem.

Wie wir seit Anfang 2020 erleben, wurde auch diese zweite Warnung in den Wind geschlagen. Federführend in der Analyse war das Robert-Koch-Institut, beteiligt waren „u. a. Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung, Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe, Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik, Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung, Bundesanstalt Technisches Hilfswerk, Bundesnetzagentur, Paul-Ehrlich-Institut, Streitkräfteunterstützungskommando der Bundeswehr.“

Man könnte fragen, warum eine Regierung für mutmaßlich viel Geld eine solche Analyse ausarbeiten lässt, um sie dann offenbar komplett zu ignorieren? Das Geld, das jetzt dank Nichtstun weltweit für Corona-Hilfen benötigt wird, hätte den Kampf gegen die Klimakatastrophe über einige entscheidende Hürden gebracht. Ob es das ist, was der Bundesminister für Gesundheit meinte mit seinem bemerkenswerten Satz: „Wir werden in ein paar Monaten wahrscheinlich viel einander verzeihen müssen“? Hätte er nicht vielleicht für die vorausgegangenen Jahre der regierungsamtlichen Ignoranz um Verzeihung bitten müssen?

Mord?

Mord hat bestimmte Merkmale, so Chefredakteur Kamran Abbasi in seinem äußerst lesenswerten Beitrag im British Medical Journal (BMJ) vom Februar 2021: Er bedarf des Vorsatzes und der Tod muss als gesetzeswidrig herbeigeführt erachtet werden.

„Wenn Politiker und Experten sagen, sie seien willens, zehntausende vorzeitige Tode zuzulassen, um der Herdenimmunität willen oder in der Hoffnung, die Wirtschaft zu stützen, ist das nicht Vorsatz und rücksichtslose Gleichgültigkeit gegenüber menschlichem Leben? Wenn falsche Maßnahmen zu wiederholten und falsch bemessenen Lockdowns führen, wer ist verantwortlich für die davon und nicht von Covid verursachten, überzähligen Todesfälle? Wenn Politiker willentlich wissenschaftlichen Rat, internationale und historische Erfahrung ignorieren, dazu ihre eigenen alarmierenden Statistiken und Modelle, weil zu handeln ihrer politischen Strategie oder Ideologie zuwiderläuft, ist das gesetzmäßig?“

Zumindest, so Abbasi weiter, könnte man die Ignoranz gegenüber Covid-19 als „Sozialen Mord“ einstufen; als solchen brandmarkte Friedrich Engels im 19. Jahrhundert die Ausbeutung der Arbeiterklasse in England.

Vor wenigen Tagen wurde hier angeregt, die internationale Staatengemeinschaft solle sich des brasilianischen Präsidenten Jair Messias Bolsonaros als eines unkalkulierbaren Risikos für das globale Gesundheitswesen (und für den Klimaschutz sowieso) schnellstmöglich entledigen. Der mindestens so gefährliche Trump ist ja zunächst (bis auf weiteres) abgewählt. Abbasi schreibt:

„Eine Pandemie betrifft sowohl die Bewohner eines Landes, als auch die internationale Gemeinschaft, daher sollten souveräne Regierungen möglicherweise der internationalen Gemeinschaft Rechenschaft schulden für ihr Handeln und Unterlassen bezüglich Covid-19.“

Abbasi erwähnt den Vorschlag, willentliche Ignoranz gegenüber den Belangen der öffentlichen Gesundheit als Verbrechen gegen die Menschlichkeit einzustufen, wie es auch für Umwelt-Straftaten erwogen wird. Aber wo sollte man die Grenze der Strafbarkeit ziehen? Wären Neuseeland, Taiwan oder Südkorea mit ihren wenigen Toten das Maß? Müsste es noch strikter sein? Die USA, Brasilien, Indien, Großbritannien, Mexiko, aber auch – nach seltsam wiederholten Korrekturen der Zahlen der Toten – Russland fallen mit ihren hohen Todesraten besonders auf. Und die Pandemie ist noch nicht vorbei.

Drei Möglichkeiten sieht Abbasi, die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen: Öffentliche Untersuchung des in manchen Ländern willentlichen Missmanagements der Pandemie, Abwahl der verantwortlichen Politiker, wo das möglich ist – wobei das eklatante Beispiel Donald Trumps angesichts der trotz Abwahl von ihm erzielten Stimmanteile dies fragwürdig erscheinen lässt –, und eine Ausweitung der Zuständigkeit des Internationalen Strafgerichtshofes auf derart krasse Fälle von „failed states“. Doch wird dieser Gerichtshof von manchen Ländern, namentlich wiederum den USA, nicht akzeptiert.

Klar sollte sein: Es ist sozialer Mord, der zumindest in einigen Ländern durch Unterlassen geeigneter Maßnahmen gegen Covid-19 verübt wird. Denn es sind die Armen, die überwiegend daran sterben. Reiche Menschen sind nicht gezwungen, in öffentlichen Verkehrsmitteln zum Einkaufen oder zur Arbeit in schlecht belüfteten Büros zu fahren, in die ihre Arbeitgeber sie trotz Ansteckungsrisiko zu kommen zwingen.

Wie viele Warnungen braucht es?

Die Warnung, die SARS 2003 hätte sein können, wurde weltweit ignoriert. Aus knapp 800 Toten damals sind jetzt – bislang – über zwei Millionen Tote geworden. Die noch weit detaillierteren und von der Wissenschaft in ihrer gesamten verfügbaren Breite vorgetragenen Warnungen vor dem Klimawandel werden seit etlichen Jahrzehnten ignoriert, kleingeredet, als übertrieben oder gleich als Verschwörungstheorie dargestellt. Der soziale Mord, der damit wissentlich und aus niederen, wirtschaftlichen Beweggründen – und wiederum vor allem an armen und somit vulnerablen Bevölkerungsschichten – verübt wird, wird den aktuellen durch Covid-19 bei weiterer Untätigkeit noch um mehrere Größenordnungen übertreffen.

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