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Nordamerikanische Pellets für Europas Klimaschutz? (Teil 4)

19.03.2021, Lesedauer ca. 15 - 20 Minuten

Fazit

Die bisher betrachteten Daten haben gezeigt, dass weder in Kanada, noch in den USA die Waldfläche unter dem seit 2009 zunehmenden Boom der Pelletproduktion spürbar abgenommen hat. Zudem gibt es eine Reihe Studien, die das auch bei weiter wachsender Nachfrage nach Pellets nicht erwarten. Zwar werden tatsächlich nicht nur Reste aus der Holz verarbeitenden Industrie als Rohstoff für die Produktion genutzt, doch verstößt das weder gegen staatliche Vorschriften, noch gegen Zertifizierungsauflagen, was nicht bedeutet, dass es nicht in manchen Fällen kritikwürdig wäre.

Zur Entwicklung der Waldflächen ist noch ein (scheinbarer) Widerspruch aufzuklären. Im Mai 2010 erschien in den „Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America“ (PNAS) ein viel zitierter Artikel, der den durch Satellitenaufnahmen ermittelten, weltweiten Verlust an Waldflächen behandelte und auch in „Der Atem des Waldes“ bereits erwähnt wurde. Danach traten im untersuchten Zeitraum von 2000 bis 2005 die größten Waldverluste – in dieser Reihenfolge – in Nordamerika, Asien und Südamerika auf. Brasilien, Kanada, Russland und die USA waren – wiederum in dieser Reihenfolge – die Länder mit den größten Verlusten. Wie verträgt sich das mit den FAO-Daten, nach denen die Waldflächen in Kanada und den USA doch kaum zurückgingen, sondern eher sogar leicht wuchsen?

Zunächst basieren die Daten der „Forest resources assessments“ der FAO auf Meldungen der Mitgliedsstaaten, die eigene Interessen verfolgen könnten. Drastisch sichtbar wurde das in Brasilien, als der Chef der dortigen Weltraumagentur, die auch für die Überwachung der Waldzerstörung im Land zuständig ist, im Sommer 2019 gefeuert wurde, weil die von ihm vermeldeten Zahlen dem faschistoiden Präsidenten Jair Messias Bolsonaro nicht genehm waren. Solche Konflikte mag es auch unter dem früheren US-Präsidenten Trump ansatzweise gegeben haben, aber die institutionelle Kontrolle ist in den USA und Kanada doch stärker als in Brasilien. Woran also lag der scheinbare Widerspruch in diesem Fall?

Der Artikel klärt es selbst auf. Wesentliche Probleme der FAO-Daten (im Sinne der Studie) liegen demnach an den auch hier bereits erwähnten, häufigen Änderungen der zugrundeliegenden Definition von Wald, vor allem aber daran, dass die FAO die Landnutzung betrachtet, die sich auf einer Satellitenaufnahme nicht immer erschließt. Wird eine Fläche kahl geschlagen oder die Kronenbedeckung z.B. durch Feuer oder Insektenbefall unter den Grenzwert dezimiert, so betrachtet die FAO sie weiterhin als Wald, wenn die gesetzlichen Regelungen im jeweiligen Land eine Wiederaufforstung zwingend vorschreiben oder sie zumindest zu erwarten ist.

Kahlschlag im Tongass National Forest, Alaska, USA

Kahlschlag und nachfolgende Wieder-Bestockung im Tongass National Forest in Alaska, dem größten US National Forest, Aufnahme vom 4. August 2010. Gut zu sehen: benachbarte, ältere Kahlschlagsflächen, die bereits wieder bewaldet sind. (Foto: Alan Wu, Lizenz: CC BY-SA 2.0)

Auf den für den Artikel aus 2010 verwendeten Landsat-Aufnahmen mit einer Auflösung von 30 x 30 Metern wurden dagegen nur solche Flächen als Wald betrachtet, auf denen das jeweilige Landsat-Pixel zu mindestens 25 Prozent unter der Krone eines Baumes von mindestens fünf Metern Höhe lag. Das meist verwendete Verfahren der Holzernte in Kanada und den USA ist das Kahlschlagsverfahren. Danach dauert es etwa zehn Jahre, bis auf der Fläche – ob aus Naturverjüngung, Saat oder Pflanzung – wieder Bäume stehen, die der für die Studie verwendeten Definition entsprechen. Daher also die anscheinend hohe Entwaldungsrate in Nordamerika. In z.B. Brasilien dürfte diese Methode dagegen schlüssigere Ergebnisse liefern: Dort geht ein Kahlschlag (oder eine Brandrodung) allzu oft mit einer bleibenden Umwandlung der früheren Waldfläche zu einer anderen Nutzungsform wie Weideland oder Sojaanbau einher.

Nachteile des Kahlschlagsverfahrens

Dies soll keine Rechtfertigung für das in Nordamerika verbreitete Kahlschlagsverfahren sein, denn es ist mit einigen bekannten, prinzipiellen Nachteilen verbunden:

Das Kahlschlagsverfahren ist somit kein Mittel einer schonenden Waldnutzung, die naturnahe Waldwirtschaft verzichtet wo immer möglich darauf. Seine Auswirkungen auf den Holzzuwachs und -vorrat sind hingegen nicht eindeutig, wie die FAO-Zahlen auch zum Holzvorrat in Nordamerika zeigen.

Growing Stock
(Holzvorrat) Mio. m3
1990 2000 2010 2015 2020
Nordamerika 84.684 86.432 88.141 n.a. 90.108
USA 33.259 35.431 38.828 41.112 41.268
Kanada 47.625 47.320 45.509 45.143 45.107

Tabelle 1: Growing stock (Holzvorrat) in Mio. m3 in Nordamerika (darin erfasst die FAO auch Mexiko), Kanada und den USA. Die Zahlen (Nachkomma-Stellen nicht berücksichtigt) für Nordamerika entstammen dem FRA 2020, die Zahlen für die USA und für Kanada jeweils den Länderberichten von 2020. Der kanadische Länderbericht führt auch aus, dass der Rückgang des Holzvorrates seit dem Jahr 1990 auf natürliche Störungen wie Insektenbefall und Feuer zurückgehe.

Nachdem, wie gezeigt, die Waldflächen in den vergangenen zehn Jahren der exponentiell wachsenden Pelletproduktion nicht geschrumpft sind, fällt somit auch eine signifikante Abnahme der Holzvorräte durch direkten menschlichen Einfluss als Argument gegen diese Holznutzung aus – der Rückgang in Kanada wird auf die dortige Insekten-Kalamität und Feuer zurückgeführt. Im Abschnitt über Kanada wurden bereits die über 750 Mio. m³ nutzbares Holz erwähnt, die bis 2017 dem Mountain pine beetle zum Opfer fielen. Was bleibt danach noch von der Kritik der Naturschützer?

Etwa, dass Kahlschläge ökologisch keine wünschenswerte Nutzungsform sind, obwohl sie wirtschaftlich am attraktivsten sind. Auch die Verarbeitung von Holz aus bislang ungenutzten Primärwäldern zu Pellets hinterlässt einen bitteren Beigeschmack, aber welche Wälder sollte man in Kanada sonst nutzen, bis die Aufforstungen nach früheren Einschlägen reif für Durchforstungen oder eine erneute Ernte sind? Prinzipiell ist auch die Nutzung frischen Holzes zur Pelletproduktion ein suboptimaler Weg, wenn Alt- oder auch Schadholz in ausreichender Menge verfügbar sind – aber auch beim Schadholz greift wieder das Argument, dass seine selektive Nutzung mit hohem logistischen Aufwand verbunden und somit sehr teuer ist. Altholz dagegen wird in vielen Ländern bereits zu hohen Anteilen thermisch genutzt.

Sinnvoll ist, geeignetes Holz zunächst einer anderen langfristigen, hochwertigen Nutzung zuzuführen, es also z.B. am Bau oder für die Möbelproduktion einzusetzen. Der Holzbau aber gewinnt gerade erst an Fahrt, wie hier in anderen Beiträgen bereits geschildert wurde. Der Einsatz von Holz ersetzt am Bau energieintensive und somit hohe Emissionen verursachende Baustoffe wie Beton oder Stahl. Das dort genutzte Holz lässt sich auch später noch verbrennen. Am Bau nicht nutzbares, minderwertiges Holz ließe sich vielfach immer noch zur Produktion von Spanplatten einsetzen, auch die lassen sich nach Nutzung trefflich verbrennen – wofür bei Einsatz belasteten Holzes spezielle Abgasreinigungen verpflichtend sind, um die Rückstände chemischer Zusätze aus den Abgasen zu filtern. Solche bereits mehrfach zuvor genutzten Holzreste erfüllen dann immer noch einen wesentlichen Zweck: Die Substitution, den Ersatz von fossilen Brennstoffen. Kaskadennutzung heißt diese mehrfache Nutzung von Holz auf seinem Weg durch unseren Wirtschaftskreislauf, die seinen Nutzen für den Klimaschutz vervielfacht.

Angesichts der grundlegenden, auf direkten menschlichen Einfluss zurückgehenden Trends sind aber mit Blick auf Waldfläche und Holzvorrat in Nordamerika all diese Kritikpunkte nur Randerscheinungen. Es zeigen sich dort bisher – von überall auf der Welt auftretenden Ausnahmen abgesehen – keine grundsätzlichen Verstöße gegen eine nachhaltige Waldnutzung, wie sie etwa in Brasilien, Südostasien oder weiteren Regionen teils nahezu flächendeckend zu beobachten sind.

Fakten oder Fake Science?

Im Januar 2020 sollte eine niederländische Kommission Fakten zur Bioenergie und speziell zur Nutzung importierter Pellets im Land sammeln. In einer Eingabe dazu bat eine Gruppe überwiegend US-amerikanischer, aber auch europäischer NGOs unter Führung der Dogwood Alliance, man möge doch bitte nicht nur Fakten berücksichtigen, die im Peer-Review-Verfahren gewonnen wurden – also von unbeteiligten Wissenschaftlern, die zur Veröffentlichung vorgesehene Arbeiten vorab kritisch prüfen.

Das muss man sich tatsächlich auf der Zunge zergehen lassen. Die Dogwood Alliance wirft der Forstwirtschaft im Südosten der USA die Zerstörung und Ausplünderung der Wälder vor – aber die Waldflächen nehmen zu, die Holzvorräte steigen und wissenschaftliche Arbeiten warnen, das bei Einstellung dieser Nutzung der Druck zur Waldumwandlung wachsen könnte. Da diese Fehlinformationen offenbar noch nicht ausreichen, behaupten sie, die Verbrennung von Holz setze mehr Kohlenstoff in die Atmosphäre frei als die von Kohle – und ignorieren dabei die Tatsache, dass der Kohlenstoff im Holz zuvor aus der Atmosphäre entnommen wurde und ihr somit netto nichts hinzufügt, während der Kohlenstoff in fossilen Energieträgern zuvor aus der Erde gefördert und somit der Atmosphäre voll umfänglich hinzugefügt wird. Und dann bitten sie, man möge das alles doch bitte nicht allzu wissenschaftlich betrachten und auch ihre „Argumente“ hören … wobei sie die tatsächlichen Schwächen dieser Form der Energiegewinnung nicht einmal benennen.

Bei allem Verständnis für den Wunsch des Naturschutzes, natürliche Lebensräume zu schützen: Es gibt Interessenkonflikte auch zwischen dem Naturschutz und dem Klimaschutz. Eben deshalb wird hier auf Nachhaltigkeit gepocht und darauf, die Waldnutzung auf einen möglichst naturnahen Stand zu bringen, um in den natürlichen Lebensräumen im Zuge der Bewirtschaftung so wenig Schaden wie möglich anzurichten. Ganz ohne geht es aber nicht. Darauf zu verzichten und den Klimawandel seinen katastrophalen Lauf vollenden zu lassen, kann aber nicht die Alternative sein.

Die Argumente des Naturschutzes gegen die Nutzung von Holzenergie zur Kohle-Substitution sind angesichts der Dringlichkeit einer Wende in der Energieversorgung, die der Klimawandel fordert, sekundär. Es wurde im ersten und zweiten Teil dieser Reihe erwähnt, dass der britische Energieversorger Drax sein Werk in Selby (Yorkshire) von Kohle- auf Pelletfeuerung umgestellt hat, was auch durch Subventionen der Regierung ermöglicht wurde.

Saubere Energie

Zudem arbeitet das Unternehmen an einer CCS-Lösung: CCS steht für „carbon capture and storage“, das Auffangen und Speichern von Kohlenstoff in Form von Kohlendioxid. Bei Drax spricht man jedoch von CCUS, was bedeutet, der Kohlenstoff soll, statt ihn zu speichern, nach Möglichkeit genutzt werden. Das ist allerdings Zukunftsmusik: Der Traum z.B. der Luftfahrtindustrie ist der Einsatz synthetischer Kraftstoffe, die mittels erneuerbarer Energie aus eingefangenem Kohlenstoff hergestellt werden. Ergebnis wäre ein vom Menschen zwischengeschalteter Kreislauf, der nicht mehr auf Kohlenstoff aus unterirdischen Lagerstätten angewiesen wäre und somit den Klimawandel nicht mehr befeuern würde. Der Energieaufwand für solche Verfahren ist allerdings bislang enorm, dieser synthetische Sprit wird auf längere Zeit unbezahlbar sein. Bleiben wir also zunächst beim guten, alten CCS, hier aber erweitert um die Komponente Bioenergie und dann als BECCS bezeichnet – „bioenergy with carbon capture and storage“.

Dies Verfahren besitzt allerdings ein bislang dramatisch unterschätztes Potenzial – wenn die Rahmenbedingungen richtig gesetzt werden. Bäume fangen CO2 aus der Luft ein. Bei einer kurzen, nur thermischen Nutzung, wie wir sie hier betrachten – ja, die Kaskade wäre noch effektiver – werden sie geerntet und verbrannt, wenn sie reif sind – ob als Hackschnitzel, Pellets oder in anderer Form ist zunächst unerheblich. Die Verbrennung dient der Bereitstellung von Energie. Im Idealfall werden dabei Wärme und Strom bereitgestellt, um den Wirkungsgrad zu optimieren, der bei reiner Verstromung eher mau ist. Das beim Verbrennen freiwerdende CO2 wird eingefangen und (solange es keine sinnvolle, bezahlbare Verwendung dafür gibt) unter die Erde verfrachtet, am besten in alte Öl- oder Gaslagerstätten, wobei vor allem letztere bereits belegt haben, dass sie hinreichend dicht sein dürften, um dies Gas nicht wieder freizusetzen. Das bedeutet: Man überlässt es der Natur, das CO2 einzufangen, nutzt es zur Energiegewinnung und entlastet danach die Atmosphäre von überschüssigem Kohlendioxid.

Drax will auf diesem Wege bis 2030 negative Kohlenemissionen erreichen, das heißt: Energie bereitstellen und gleichzeitig Kohlenstoff aus der Atmosphäre entfernen. Auch Enviva hat ähnliche Pläne bekannt gegeben. Ist das nicht die Lösung für den Klimawandel?

Sie könnte einen wichtigen Beitrag dazu leisten, allerdings sind dazu noch einige Hürden zu überwinden.

Anwendbar wäre ein CCS-Verfahren überall, wo erhebliche Kohlenstoff-Emissionen entstehen, also vornehmlich in Großanlagen der Energiewirtschaft. Auch der irrwitzige deutsche Beschluss, erst 2038 aus der Kohleenergie auszusteigen – ein Zeugnis krasser Realitätsverweigerung und Verantwortungslosigkeit der Politik –, könnte durch CCS entschärft werden, allerdings unter erheblicher Verteuerung der Strompreise. Auch die Co-Feuerung von Schadholz in deutschen Kohlekraftwerken könnte die grundsätzlich menschen- und lebensfeindliche Idiotie der deutschen Kohle-Verstromer abmildern.

Zur Ausweitung solcher Verfahren bis auf ein Maß, mit dem sich der Klimawandel beeinflussen ließe, wären allerdings Aufforstungen in einer Größenordnung nötig, wie sie auf diesen Seiten schon mehrfach erwähnt wurden – es geht um über eine Milliarde Hektar, die nur entstehen könnten auf Flächen, die nicht der landwirtschaftlichen Produktion dienen.

Nur so ließen sich übergangsweise ausreichende Mengen Energie aus Biomasse bereitstellen, bis der Bedarf langfristig aus erneuerbaren Quellen wie Sonne und Wind in Verbindung mit einem Speichernetz zu decken wäre. Ab diesem Zeitpunkt könnten die dann entstandenen Aufforstungen auf andere Weise zur Stabilisierung des Klimas und als Mittel gegen den Artenverlust dienen. Mit jedem Tag, an dem die Kohlendioxid-Menge in der Atmosphäre wächst, statt zu sinken, wird die Wirksamkeit dieser Ansätze aber fragwürdiger: Es werden aktuell und in naher Zukunft einige Kipp-Punkte der Klimadynamik ausgelöst, die weitere Gegenmaßnahmen überflüssig machen könnten. Das 1,5-Grad-Ziel ist bereits mit hoher Wahrscheinlichkeit außer Reichweite, der gegenwärtige Trend folgt recht präzise dem übelsten aller IPCC-Szenarien – die Welt steuert auf 4 bis 5 Grad Erwärmung bis Ende des 21. Jahrhunderts zu.

Aber die Regierungsparteien – nicht nur in Deutschland – haben offenbar wichtigeres auf der Agenda.

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